WAZsolls

06 Mär, 2007

Kein Thema

Medien — geschrieben von WAZsolls @ 06:22

Kaum ist man aus privaten Gründen einige Wochen komplett offline (nein, meine Tarnkappe wurde nicht gelüftet), wird von Westeins der erste der erste kleine Schritt in die ?schöne neue web2.0-Welt? gemacht. Westropolis heißt der neue Kulturkanal aus dem Zeitungshaus. Dafür wurden, wie bereits bei den ersten Diskussionen über den geplanten Web-Auftritt angekündigt, sogar externe Blogger eingekauft.

Um die Diskussion aus dem letzten Jahr noch einmal aufzugreifen: Hoffentlich werden die auch leistungsgerecht entlohnt und bekommen mindestens die rund 30 Cent pro Zeile, von denen freie Print-Mitarbeiter ihr Luxus-Dasein mit Auto, Handy und Internet-Anschluss (das unverzichtbare Handwerkszeug) finanzieren müssen. Dabei bin ich mir persönlich nicht ganz sicher, ob man Online-Autoren eigentlich besser bezahlen sollte als Print-Schreiber, deren Artikel letzendlich (ohne Sonder-Honorar) auch auf den WAZ-Online-Seiten landen. Aber das ist eine Diskussion, die eher in den (geschwächten) Journalisten-Gewerkschaften geführt wird, in den Print-Redaktionen ist das kein Thema.


Damit wäre ich bei dem Stichwort, das das Interesse der meisten WAZ-Redakteure am Online-Engagement des Hauses (zumindest in vielen Lokalredaktionen) ganz treffend kennzeichnet: ?kein Thema?. Dass Westropolis gestartet ist, haben viele erst aus dem eigenen Blatt erfahren und dann der Seite vielleicht einen kurzen Besuch abgestattet. Kommentare zu diesem interessanten Projekt werden weder in Konferenzen, noch in privaten Gesprächen abgegeben. Nur die ?üblichen Verdächtigen?, Online-Beauftragte wie Bernd Kassner oder der NRZ-Onliner Markus Peters kommentieren in den Blogs. Ansonsten herrscht freundliches Desinteresse.

Dazu kommt, dass die Neugier auf ?Westeins? mit jeder gerüchteweise bekannt gewordenen Verschiebung des Erscheinungstermins immer weiter in den Keller rutscht. Ja, es baut sich sogar trotz (oder wegen) der regelmäßigen ?Wie Funktioniert das Internet heutzutage?-Geschichten eine gewisse Antipathie gegen das ?Online-Teufelszeug? auf. ?Braucht man das eigentlich, auch in der Freizeit noch vor dem Bildschirm zu sitzen? Mir reicht die Zeitung! Und überhaupt, was ist eigentlich web2.0?? fragte vor kurzem ein sonst aufgeschlossener Kollege. Dabei wurde doch gerade dieser Begriff hinreichend in der gedruckten WAZ-Ausgabe erklärt.

Und was macht zur Zeit die Westeins-Chefredaktion? Nichts, von dem ein Print-Kollege in der Lokal-Redaktion etwas erführe. Weder Rundschreiben, noch Newsletter, noch Aushänge informieren über den aktuellen Stand des Projektes. Wer die Suche-Funktion des WAZ-Intranets mit dem Begriff ?Westeins? füttert, bekommt so interessante Informationen, wie die Inventur-Richtline, auf der auch die Chefredakteurin Borchert genannt wird. Einige Informationen gibt da wenigstens der Pressespiegel her, der unter anderem auf den Artikel ?Lyssas wilder Westen? in der Süddeutschen Zeitung verweist.

Und damit haben wir wieder das alte Kommunikations-Problem in unserem Kommunikations-Unternehmen. Will ich etwas aus meiner Firma erfahren, muss ich andere Blätter zu Rate ziehen oder ins Bloggersdorf gehen. Da erfahre ich dann wenigstens, wie der ziemlich informationsfrei gehaltene SZ-Artikel so ankommt. Bei der Interviewten stößt er zumindest auf wenig Gegenliebe, um nicht zu sagen die Story hat offensichtlich dafür gesorgt, dass Lyssa ?sich auf den Boden warf und mit den Fäusten trommelte?. Ok, die Story war sicher nicht das, was sich SZ-Kommentator Heribert Prantl unter Qualitäts-Journalismus vorstellt, aber das Interview wurde doch wohl gegeben, um das Westeins-Projekt auch bei Offline-Lesern bekannt zu machen oder weiter im Gespräch zu halten. Im Sinne von PR ist es doch sogar positiv zu bewerten, dass die Münchener Zeitung erst jetzt die Online-Aktivitäten der WAZ für sich als Thema entdeckt hat.

Nur, nicht jeder WAZler liest die SZ und so flaut der von der Chefredaktion im letzten Jahr geschürte Westeins-Hype in den Redaktionen langsam ab, ist eben im Alltag ?kein Thema? mehr.


Kommentare

  1. Heribert Prantl ist nicht Chefredakteur der SZ. Das ist noch immer Hans Werner Kilz.

    geschrieben von Tobias — 06 Mär 2007, 15:51

  2. @Tobias:
    Prantl ist aber doch (neben Leyendecker?) das journalistische Aushängeschild der SZ, oder nicht?

    geschrieben von Jens — 08 Mär 2007, 16:50

  3. Natürlich hat Tobias Recht, ich habe das "Chefredakteur" korrigiert. Der Fehler mag daran liegen, dass ich die SZ ebenso wahrnehme wie Jens und da spielt der Prantl eben eine wichtige Rolle.

    geschrieben von WAZsolls — 09 Mär 2007, 08:06

  4. Gibt's auch ein Foto von der trommelnden Lyssa auf dem Boden?

    Prantl hin oder her - irgendwie fehlt mir der Link zum Artikel in der SZ. Oder wäre das nicht nach Art des Hauses gewesen?

    geschrieben von Chat Atkins — 11 Mär 2007, 08:30

  5. @Chat: Den hat die SZ nicht ins Netz gestellt.

    geschrieben von Jens — 11 Mär 2007, 23:54

  6. Im projektblog auf westeins.de geht es jetzt schon um lyssas nettigkeiten gegenüber den wazleuten. Könnte demnächst noch ganz lustig werden.

    geschrieben von Thorben — 02 Apr 2007, 00:17

  7. Auf das westeins.de muss ich auch mal drauf, davon habe ich schon sooo viel gehört.
    Einen schönen Sonntag Gruß David

    geschrieben von David — 15 Apr 2007, 18:47


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