WAZsolls

26 Jan, 2007

Zwischen den Stühlen (Update)

Medien — geschrieben von WAZsolls @ 00:47

Als wäre es abgesprochen. Kaum wird die WAZ-Neuschöpfung des regionalen Newsdesk in Recklinghausen über die verärgerte Leserschaft hinaus zum Thema, landet das Medienhaus Lensing in Münster einen Coup, der nicht nur bei den dort vorerst (nur) freigestellten Redakteuren für Betroffenheit sorgt. ?Billig (unter Tarif) besetzten Newsdesk rein ? teure (weil nach Tarif bezahlte) Erfahrung raus? scheint das Motto zu sein, das sich die nie um eine negative Überraschung verlegenen Verleger offenbar als Handlungsmaxime für die Zukunft ihres Hauses auf die Fahnen geschrieben haben.

Wie die Reaktionen der Leser in Münster ausfallen, bleibt abzuwarten. Manchen mag es sogar egal sein und viele wissen vielleicht gar nicht, auf wessen Rücken das Relaunch ihrer Heimatzeitung ausgetragen wurde.(Obwohl man sogar au dem Westline-Portal Kritisches zur Entwicklung lesen kann.)

Vor diesem Hintergrund erscheint die ?neue Regionalausgabe? im Vest, die am ?Newsdesk? in Recklinghausen entsteht, in der Medienszene nur noch ein ?Aufreger? zweiter Ordnung zu sein. Es gab keine Entlassungen, alle werden brav nach Tarif bezahlt und die WAZ bleibt den Lesern im Verbreitungsgebiet von Recklinghausen bis Olfen erhalten.

Also auch im neuen Gewand business as usual?


Ganz im Gegenteil. Die rund 25 Redakteure haben zwar ihre festen Plätze rund um den neuen Nachrichten-Tisch, sitzen aber gleichzeitig zwischen allen Stühlen. Sie müssen nach außen hin ein Lokalzeitungs-Modell vertreten, das ihnen von Verlag und Chefredaktion als die ?Zeitung der Zukunft? diktiert schmackhaft gemacht wurde. Wenn es dem einen oder anderen Kollegen vielleicht sogar schmeckt, in einer ?Avantgarde-Redaktion? (höchster Rang auf der Chefredaktions-Lobskala) zu arbeiten, so ballen doch manche altgediente Lokalredakteure insgeheim die Faust in der Tasche. Eigentlich gewohnt, von Lesern manchmal auch negative Kritik einzustecken, waren sie von der Lawine, die sie nach dem Start der neuen Vest-Ausgabe überrollte, doch überrascht. Die Telefone standen nicht still. ?Wo ist meine Lokalausgabe?? ?Was interessiert mich der Verein in Recklinghausen, ich wohne in Haltern!? ?Wenn das mein Lokalteil sein soll, dann bestelle ich die WAZ ab!?

Ich beneide die Kollegen nicht, geballten Unmut für etwas zu spüren, was andere ihnen eingebrockt haben, ist sicher kein Zuckerschlecken.

Und die Leser haben nicht ganz unrecht. Versetze ich mich in die Lage von Jens, der ja aus Olfen stammt (aber schon vor dem Relaunch in den Pott gezogen ist, also keine falschen Zusammenhänge konstruieren) und nehme mir die heutige (25.1.) Vest-Zeitung zur Hand, fühle ich mich arg im Stich gelassen. Genau auf zusammen 48 Zeilen spiegelt sich in der zwölfseitigen Regional-Ausgabe das Leben in Olfen wieder. Da können sich Leser aus Waltrop sogar über 106 Zeilen freuen. Das alles verteilt sich auf Meldungen, bei Mehrspaltern ist Fehlanzeige.

Wenn man in der ?Zentrale? Recklinghausen weit ab vom lokalen Geschehen zum Beispiel vom über 20 Kilometer entfernten Haltern arbeitet, verliert man als Redakteur natürlich mit der Zeit das Gespür, was rund um den Kirchturm so los ist. Da schlafen Kontakte ein, da kommt nicht mal eben ein Leser in die Redaktion geschneit und erzählt eine kleine Geschichte. Das merken zumindest die alten Abonnenten ? und kündigen massenhaft. Über die genauen Auflagenentwicklungen wird man beim ?einfachen WAZ-Volk? natürlich nicht informiert, aber der Flurfunk vermeldet fast 1000 Abbestellungen.

Dazu kommen noch die bei der WAZ nicht ungewöhnlichen Tücken der Technik. Für Service und Wartung der Computer ist seit Jahresanfang kein eigenes Personal mehr zuständig, der Bereich wurde outgesourced. Da kann man schon einmal während der Produktionszeit gut drei Stunden auf Hilfe warten, wenn am Newsdesk kein Bildschirm mehr flimmert.

Zugegeben, in Münster hat man den Kollegen den Stuhl vor die Tür gestellt und in Recklinghausen sitzt man zwischen den Stühlen. Bequem ist das nicht, zumal man nicht weiß, ob der von der Chefredaktion propagierte Leseraustausch klappt und später stabile Auflagenzahlen für eine halbwegs gesicherte Zukunft sorgen. Wenn die Vest-Zeitung scheitert, was wird dann aus der Redaktion?

Update: Traurige Erkenntnis, aber köstlich zu lesen: Jens und das Vest (Fehst, Fest, Feh...)


Kommentare

  1. Eine Diskussion, die den "Qualitätsjournalismus" daran festmacht, ob in einer Redaktion außertariflich oder nach Tarif bezahlt wird, die wird den Journalisten letztlich nichts nützen. Das sage ich ganz ohne Häme - aber in meinen Augen geht es schlicht nur darum, ob Texte gern oder nicht gern gelesen werden, ob der Leser die nächste Ausgabe "erwartet". Sonst bezahlt er nämlich nicht dafür. Nach der Bezahlung des Schreibers hingegen hat noch nie ein Leser gefragt. Wenn also die WAZ einen Doppelaxel versucht, sich aus der Fläche zurückzieht, um ökonomische Ziele zu erreichen und trotzdem den Tarif aus Angst vor dem Betriebsrat zu bewahren ... naja, Schlüsse könnt ihr ja selber ziehen.

    geschrieben von Chat Atkins — 26 Jan 2007, 10:22

  2. Als (Lokal)Redakteur würde ich mir spätestens jetzt mal ernsthafte Gedanken um ein zweites Standbein machen. Versicherungen verkaufen. Oder nen Roman schreiben. Oder Profiblogger werden ;)

    geschrieben von Ralf — 26 Jan 2007, 10:23

  3. Als Student habe ich bei der Münsterschen Zeitung gejobbt, die damals als das "kleinere Übel" zu den tiefschwarzen Westfälischen Nachrichten galt und zu der Zeit noch einer Erbengemeinschaft gehörte. Nach dem Studium hatte mir der damalige Chefredakteur dort eine Stelle angeboten (ja, so was gab's damals noch), aber den Ruhri zog es wieder an die Ruhr zurück. Gottseidank, kann ich im Nachhinein nur sagen, sonst wäre ich vielleicht heute mit bei denen, die da jetzt draußen stehen und frieren, und von denen ich bestimmt noch ein paar persönlich kenne.

    Was da passiert ist, das ist mit "Schweinerei" noch ganz milde umschrieben. Es ist, glaube ich, in Deutschland beispiellos (und vielleicht nur noch mit dem Versetzungscoup der sperrigen Ruhrnachrichten-Kollegen in Redaktionen, die kurz darauf geschlossen wurden, zu vergleichen), dass den Berichten zufolge Redakteure von ihrem Verleger und Chefredakteur unter Vorspiegelung falscher Tatsachen belogen, betrogen und hinters Licht geführt worden sind. Verleger und Chefredakteur, die so handeln, behandeln Mitarbeiter, die ihnen vertraut haben, wie eine austauschbare "Ware Mensch". Eine solche gnadenlose unsoziale Gefühlskälte gegenüber engagierten Kollegen sollte auch diejenigen nachdenklich machen, die die Stellen der so Geschassten quasi über Nacht eingenommen haben.

    geschrieben von Bernd Kassner — 26 Jan 2007, 12:32

  4. Dann bin ich mal gespannt wie die heutige Vest-Ausgabe aussieht. Ich lass sie mir zurücklegen (wie eigentlich immer). Die "normale" WAZ lese ich ja quasi hier.

    geschrieben von Jens — 26 Jan 2007, 14:09

  5. Ich finde die Tarif-Diskussion ebenfalls müßig. Im Journalismus ist nun mal ein Haufen Idealisten unterwegs, die dem Marktpreis der Arbeit zusetzen. Und ich kann Verleger durchaus verstehen, wenn sie nach kreativen Ansätzen suchen, sich verstaubter und modernisierungsresistenter Redaktionen zu entledigen. (Ich kann nicht beurteilen, ob das in Münster (noch) so war. Bis ca. 1997 zumindest zeichnete sich die MZ nicht gerade durch Innovationskraft aus.)

    Der in Münster gefahrene Stil ist dennoch jenseits allen Anstands. Trotz aller Verzweiflung über gewerkschaftliche Betonstrukturen, sollte ein Unternehmer im Stande sein, solche Dinge mit offenem Visier auszufechten.

    geschrieben von 50hz — 26 Jan 2007, 15:12

  6. Ah ja. Das einzig wirklich substantiell Interessante aus Olfen war die Information, daß heute das WAZ Mobil in Olfen war.

    Bin mal nur gespannt wieviele Leute sich über die Baugebiete dort unterhalten haben (eigentliches Thema).

    geschrieben von Jens — 26 Jan 2007, 18:51

  7. Spätestens wenn bei den Chefredakteuren solche Flyer auf dem Schreibtisch landen, merken auch Redaktionen das sie in der Marktwirtschaft angekommen sind.

    geschrieben von Ralf — 27 Jan 2007, 05:05

  8. Katharina Borchert zur Zukunft der Regionalzeitungen vielleicht enthalten die Videos ja was neues für Euch...

    geschrieben von strudel — 02 Feb 2007, 22:41

  9. Lieber wazsolls, guckst Du mal hier (www.westropolis.de), um zu sehen, was deine Internetchefin so alles hinter deinem Rücken treibt. Ist nach Auskunft von Insidern seit Anfang der Woche "leise" in Betrieb, ab kommenden Montag dann offiziell. Hat sogar schon Gero von Randow von der "Zeit" bemerkt.
    Manchmal muss man dir von außen auf die Sprünge helfen, gell?
    (Beitrag nur zu deiner Kenntnis)

    geschrieben von Von außen — 22 Feb 2007, 12:32

  10. Geht es hier auch mal weiter?

    geschrieben von Peter — 03 Mär 2007, 23:41


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